Versuch eines Kommentars zu einigen Textstellen Wittgensteins zwecks einer Darstellung der Wittgenstein’schen Philosophie nebst einem Anhang philologischer Bemerkungen.


erster Teil

in dem ich den Leser in diese Arbeit einzuleiten versuche.


Versuch einer Einleitung

Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen. Im ersten Teile gebe ich eine allgemeine Einleitung in die Werke und Gedanken Wittgensteins; ich will damit einen Rahmen aufstellen, in dem ich danach eines dieser Werke enger betrachte. Im zweiten Teile versuche ich einen Überblick der ersten Teile jenes Werkes zu geben; hier ist es mir nur gelungen zu zeigen, wie und warum so ein Überblick kaum zu geben ist, weil in jenem Werke ein Durcheinander herrscht. Im dritten und längsten Teile wird, im Gegensatz zum zweiten Teile, jenes Werk sehr eng betrachtet, wodurch wir mehr über jenes Werk, sowie andere Werke, als auch über die Gedanken Wittgensteins lernen.

Ein Ergebnis dieser Arbeit ist der Satz, daß nur durch eine sehr enge Betrachtung der Texte Wittgensteins - Satz für Satz, Wort für Wort, fast philologisch - werden Wittgenstein und seine Texte verstanden oder begriffen. Dieser Satz wird im Mißerfolg des zweiten Teiles und im Erfolg des dritten Teiles bewiesen.

Man möchte wohl fragen, wie ich zu den anderen, unglaublich zahlreichen Interpretierenden und Kommentatoren stehe. Es ist in den vorigen Jahrzehnten eine Unmenge über Wittgenstein veröffentlicht worden; es gibt buchstäblich Tausenden von Büchern und Artikeln darüber. Ich bin der Meinung, daß wer überhaupt in diese Dschungel einsteigt, geht ein großes Risiko ein, daß er darin stecken und verloren bleibt. Deshalb bleibe ich nur bei dem Texte, wie doch jeder gute Akademiker mehr oder weniger tut; zugegeben, daß Interpretation und Kommentar viel besprochen wird und besprochen werden soll, bleibt es aber nun ja auch fest, daß jeder gute Akademiker bei dem Texte anfängt und aufhört, und immer wieder zwischendurch den Text berührt. Wer nur Allgemeinheiten äußern will, ohne eine enge philologische Betrachtung des Textes, ist akademisch und geistig verantwortungslos und unehrlich.

Der Text, dessen ersten Teile ich in dieser Arbeit betrachte, wird »Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie, Band II, das Innere und das Äußere, 1949 - 1951« genannt.

Obwohl ich gerade darauf gedeutet habe, daß ich mich nicht mit den anderen Interpretierenden beschäftige, muß ich doch eines bezüglich deren sagen, damit mein Leser im Voraus gewarnt wird. Ich spreche freilich von »einer Lehre« oder »einer Theorie« Wittgensteins. Viele gibt es, die sagen, er habe keine »Lehre« oder »Theorie« gehabt. Dagegen sage ich, wer überhaupt einmal den Mund aufmacht, der habe eine Lehre oder Theorie. Auch wer nur Fragen stellt, setzt einiges in seinen Fragen voraus. Man hat auch von Sokrates behauptet, er habe keine Lehre, er habe nur Fragen gestellt. Wer aber Wittgenstein oder Sokrates liest, und nicht nur grundlose Behauptungen zerstreut, weiß, daß es doch in den Texten behauptet wird. Was ich gerne zugebe, ist daß weder Wittgenstein noch Sokrates so ganz dogmatisch oder pedantisch sind wie einige anderen Philosophen; aber daraus kann man längst nicht schließen, sie hätten keine Lehre, keine Theorie, und keine Behauptung. Gleich darf aber der Leser für sich selbst über diese Sache Entscheiden, wenn wir in den Text einsteigen.


zweiter Teil

in dem einen Überblick auf die Philosophie Wittgensteins gegeben wird.

»...wir wollen nicht davon sprechen! Laß uns darüber schweigen... Die Götter lieben es, uns Menschen unlösbare Rätsel aufzugeben. Die Erde rettet uns nicht vor der Arglist der Götter; denn auch sie ist voll des Sinnbetörenden. Mich verwirren die Dinge und die Menschen. Gewiß! Die Dinge sind sehr schweigsam! Und die Menschenseele gibt ihre Rätsel nicht preis. Wenn man fragt, so schweigt sie. Wir wollen leben und nicht fragen. Wir werden vieles nie wissen.«

- Trakl


Die Werke Wittgensteins

Im engsten Sinne des Wortes hat er während seines Lebens nur zwei Werke veröffentlicht, von denen eines sehr bedeutend ist, und das andere fast vergessen ist. Ausgegeben hat er seine “Logisch-Philosophische Abhandlung,” die besser als “tractatus logico-philosophicus” bekannt worden ist, und einen kleinen Artikel in “The Proceedings of the Aristotelian Society” des Jahres 1929, der “Some Remarks on Logical Form” hieß. Dazu kommen ein Paar Briefe an die Redaktion einer Zeitschrift, die zu seiner Lebzeit erschienen.

Ehrlich gesagt, hat er doch mehr als zwei Werke drucken lassen: es gibt ein drittes. Als er Lehrer war, schrieb er ein Lesebuch für Zweit- und Drittklässler. Dieses Buch ist sehr kurz, in dem es aus kaum mehr als sechs-und-zwanzig Gruppen Wörter besteht, eine Gruppe pro jeden Buchstaben des Alphabets. Doch hat es 6.000 Wörter.

Aber die größte Zahl seiner sog. Werke sind meistens aus seinem Nachlaß, mit zusätzlichem aus seinem Briefwechsel. Dazu kommen seine Vorlesungen, wie seine Studenten sie mitgeschrieben haben, und auch einige Texte, die er einer Sekretärin diktierte.

Seine Vorlesungen, so wie den einen Artikel und einige diktierte Texte, sind auf Englisch, da er an der Uni in Cambridge war. Sein Nachlaß, sowie das eine “echte” Buch und die überwiegende Mehrheit des Briefwechsels, sind auf Deutsch.

In dem Nachlaß befinden sich sowohl druckfertige Aufsätze, die durch mehrere Entwürfe verfeinert worden sind, als auch sehr fragmentarisches, das nicht mal richtige Sätze enthält, sondern nur Nebensätze und sogar lose Wörter.

In den “Tagebüchern 1914-1916” zeigt sich die frühe Entwicklung Wittgensteins, in der er Begriffe von Schopenhauer und Frege mischt, und diese Mischung auslegt. Er kam in dieser Zeit auf zwei verschiedenen Wegen zu derselben Philosophie. Auf der einer Seite muß man bedenken, daß er als Ingenieur ausgebildet wurde, und durch diese technische Ausbildung begegnete er den Problemen der angewandten Physik, und dadurch den der reinen Physik, und dadurch den der angewandten Mathematik, und dadurch den der reinen Mathematik, und dadurch den der Logik und der Philosophie. Als er diesen Weg zur Philosophie entlang ging, kam er zu den Werken Gottlob Freges. Frege war Mathematiker und Philosoph zu Jena, und beeinflußte den Wittgenstein sehr. Auf der anderen Seite war Wittgenstein Wiener, Mitglied einer musikalischen Familie, geborener Jude, überzeugter Christ, Bruder eines Selbstmörders, und zu Depressionen und Schuld-Gefühlen geneigt; als solcher war er fruchtbarer Boden für die Saat der Schopenhauer’schen Philosophie. Die Lehren Freges und Schopenhauers blieben mit Wittgenstein bis zu seinem Tode, obwohl er selbst auch seine eigenen eigenartigen Lehren entwickelt hatte. Die Philosophie Freges ist ein mathematisches, logisches, blutloses Rechnen. Hingegen spricht Schopenhauer über das Leben, Lieben, Sterben, Streben, und den Willen. Deshalb befinden sich auf demselben Blatt in diesen Tagebüchern Bemerkungen über mathematischen Funktionen und Sätze über den Selbstmord: wichtig ist es, daß für Wittgenstein diese zwei Themen zusammen gehörten, weil sie irgendwie in der Philosophie eins waren, ein einziges Thema waren. Diese Tagebücher dienten auch als Probe für einige Begriffe, die später in der “Logisch-Philosophischen Abhandlung” auftauchen wurden. Übrigens waren diese Tagebücher zum Teil auf den Feldern des ersten Weltkrieges geschrieben. Wittgenstein ist als freiwilliger hingegangen, im Gegensatz zu seinem späteren Freund, Feind, und Kollegen, Bertrand Russell, der Pazifist war und während des Krieges protestierte.

Die Gedanken der Tagebücher ließen sich in einer festen Form in der “Logisch-Philosophischen Abhandlung” zeigen. Wie im vorhergehenden arbeitet Wittgenstein mit zwei verschiedenen Seiten derselben Philosophie. Die “Abhandlung” teilt alles entweder ins Denkbare und damit Sagbare oder ins unsagbare, d.h. in das worüber man nicht logisch denken kann. Um diesen Plan auszuführen, untersucht er sorgfältig die Logik und die alltägliche Sprache des Menschen und die Beziehung zwischen den beiden. Mittelst der durch diese Untersuchung erreichten Kenntnis setzt sich genau heraus, was sich sagen läßt. Sagen können wir empirische Beobachtungen, und logsiche Zusammensetzungen dieser Beobachtungen. Hiermit gibt er eine Grundlage zu den Naturwissenschaften, z.B. Biologie und Chemie, und zu vielen Spracharten des alltäglichen Lebens. Hätte er hier aufgehört, wäre er einfach ein Empirizist wie, z.B., David Hume. Und viele, die sich Schüler Wittgensteins nannten, haben auch tatsächlich hier aufgehört, und die Wittgenstein’sche Lehre in einen Empirizismus umgearbeitet - diese waren die Mitglieder des berühmten Wiener Kreises, und die englischen “logical postitivists.” Aber hier hat Wittgenstein nicht aufgehört. Der zweite Teil der Lehre spricht über das, wovon man nicht sprechen kann. Die reine logische empirische Sprache läßt uns nicht über die Religion, Kunst, Ethik, oder Metaphysik sprechen - und daher hat der Wiener Kreis gesagt, es gäbe sie nicht - aber das, wovon wir nicht sprechen können, ist für Wittgenstein wichtig. Versuchen wir davon zu reden, wovon wir nicht sprechen können, so reden wir Unsinn: für den Wiener Kreis war das eben der Beweis, daß die Religion, Ethik, und Metaphysik Unsinn waren, aber für Wittgenstein waren sie sehr wichtig. Unsinn ist der Versuch, das unsagbare zu sagen. Deshalb nennen viele Akademiker ihn “Mystiker.” Bei Wittgenstein ist das Wort “Unsinn” nicht unbedingt eine Beleidigung; er nannte die schönsten Gedichte und allerernsten Gebete Unsinn, weil wenn wir versuchen, sie logisch auszulegen, nichts davon kommt - doch wissen wir, daß es sich um etwas wichtiges handelt. Übrigens sind “Unsinn” und “sinnlos” zwei wichtige Begriffe für ihn; “sinnlos” ist ein Satz, der richtig geformt ist, der aber nichts sagt, wie z.B. “Feuer ist heiß.” Sinnlose Sätze sind wichtig, weil sie uns die Struktur unserer Sprache zeigen. Einige logische Regeln, die nicht gesagt werden können, können gezeigt werden. Im Allgemeinen wird die “Abhandlung” als das Hauptwerk der früheren Wittgenstein’schen Philosophie betrachtet.

Die “Philosophischen Bemerkungen” und die “Philosophische Grammatik” sind zwei nachgelassene Werke, die uns zeigen, daß sich die Werke Wittgensteins nicht so einfach in eine Frühperiode und in eine Spätperiode teilen lassen, sondern sie stellen ein Kontinuum dar, in dem viele kleine Schritte, nach vorne und nach hinten, zwischen 1914 und 1951 gemacht wurden. Diese zwei Werke sind also ein Übergang von der Philosophie der “Abhandlung” zu der der Spätperiode. Doch diese grobe Anschauung von den “früheren” und “späteren” Perioden kann uns helfen, einen Zusammenhang unter den Werken zu sehen. Diese zwei Werke gehören dann zum Ende der Frühperiode, und sind eine Verfeinerung der in der “Abhandlung” ausgelegten Lehre. Weiter betrachten wir sie jetzt nicht. Die Frage ist heute noch heiß bestritten, inwiefern die Spätperiode ein Verwerfen oder Zürückrufen der Frühperiode sei; einige sagen, Wittgenstein habe die Lehre der “Abhandlung” völlig verworfen; andere behaupten, er habe seine neue Lehre darauf gebaut.

Die “Blue Book” und “Brown Book” sind Diktiertes aus dem Anfang der Spätperiode. Sie wurden auf Englisch diktiert und tragen ihre seltsamen Namen wegen der Umschläge, in denen sie in dem Nachlaß gefunden worden sind. In diesen Büchern entwickelt Wittgenstein eine neue Sprachphilosophie, in der es anerkannt wird, daß die Sprache des Menschen, d.h., nicht die des logischen mathematischen Philosophs, nicht ganz so logisch aufgebaut worden sei. In einer idealen Sprache, z.B. die, die in der “Abhandlung” vorgestellt worden ist, können wir jeden richtig geformten sinnvollen Satz rechtfertigen, und zwar durch Analyse. In der Spätperiode behauptet er daß nicht alle Sätze sich analysieren lassen, d.h. nicht auf diesen Weisen rechtfertigen lassen. Aber wie können denn die Menschen sinnvoll miteinander reden, wenn ihre Sprache nicht logisch ist? Das ist die Frage seiner Spätperiode.

Die Antwort auf diese Frage wird in den “Philosophischen Untersuchungen” gefunden. Die Grundlagen unserer Sprache liegen nicht in der Logik, sondern in der Form des Lebens in unserer Gesellschaft, in der Lebensform unseres gemeinen Alltags. Jeder Satz kann nicht absolut endgültig gerechtfertigt werden. Wir müssen damit zufrieden sein, daß ein Satz mit unserer Lebensform übereinstimmt, wenn er mit unserer Form des Lebens zusammenpaßt. Eine sehr wichtige Lehre aus diesem Buch ist in dem Satz “Bedeutung ist Gebrauch” oder “der Sinn liegt in dem Benutzen.” Also, wenn wir die Fragen “was bedeutet das?” und “was für einen Sinn hat das?” oder einfach “was ist das?” oder “wie heißt das?” stellen, stellen wir in der Wirklichkeit - ob wir es wissen oder nicht - die Fragen “Wie wird dieses Wort gebraucht?” oder “unter welchen Umständen wird dieses Wort benutzt?” Diese Lehre ist nicht nur eine Antwort auf die Hauptfrage der späteren Wittgenstein’schen Philosophie, sondern sie hat auch großen Wirkungen in vielen Nebenbereichen innerhalb der Philosophie. Diese Wirkungen erklären wir nachher. Er findet nur diese Lehre befriedigend, weil nicht nur seine frühere Lehre, sondern auch andere Sprachphilosophien, viele Einzelfälle der Bedeutungsfrage weder beantworten noch erklären können. Für ihn ist eine Erklärung einer Frage oft genau so wichtig wie eine Antwort darauf. Viele Fragen sind schwer, weil sie nicht richtig geformt sind, und finden schnell und leicht eine Lösung, wenn sie erst erklärt und umgeformt worden sind. Ein Fehler vieler früheren Sprachphilosophien war die Suche nach einer gemeinen Qualität, einer gemeinen Eigenschaft, unter allen Dingen, die mit demselben Namen genannt werden. Mit einfachen Nennern geht es doch, z.B. “der Hund” und “die Katze” lassen sich schnell durch die Benennung gewißer Eigenschaften definieren. Aber mit anderen Wörtern, z.B. “das Denken” oder “die Schönheit,” findet dieser Vorgang wenigen Erfolg. Wittgenstein dagegen setzt eine Familienähnlichkeit unter den Dingen, die mit demselben Namen benannt werden. Genau was diese Familienähnlichkeit sei, ist eine schwere Frage, die unter den Wittgenstein Schülern heiß diskutiert wird. Ein anderer Vorteil, den er für seine Sprachphilosophie sieht, ist die Auflösung der Frage nach der Rechtfertigung eines Sprachgebrauchens, eines Gebrauchens der Sprache. Das beste Beispiel dieses Begriffes liegt in der Mathematik. Schreibe ich den Satz “9+12=21,” so suche ich in Arithmetikbüchern nach einer Rechtfertigung dieses Satzes. Aber alles, was ich aus den Büchern als Rechtfertigung hervorbringe, muß irgendwie angewandt werden, ehe ich eine Rechtfertigung habe. Oft handelt es sich um eine spezifische Anwendung einer allgemeinen Regel, oder das Hervorziehen einer allgemeinen Regel aus einem (oder mehreren) Beispielen. In unserem Beispiel, lese ich die Definitionen der Zahlen, Ziffern, und Nummern, und die Definitionen der Symbolen “+” und “=” in den mathematischen Büchern. Nehmen wir an, mein Satz erscheine nicht in den Büchern, d.h. dort sind vielleicht mehrere Beispiele, aber nicht das Beispiel “9+12=21.” Obwohl sich viel Rechtfertigung für meinen Satz in den Büchern befinden mag, muß ich schließlich und endlich irgendwann irgendwie irgendeine Anwendung machen. Ich muß meine Urteilskraft benutzen, und weil ich sie innerhalb der Rechtfertigung anwende, wende ich sie ohne Rechtfertigung an. Versuche ich sie zu gerechtfertigen, so habe ich eben bloß eine zweite Rechtfertigung hergestellt, in der ich wiederum meine Urteilskraft ohne Rechtfertigung benutze. Wenn ich so nach einer Rechtfertigung suche, finde ich sie nicht. Wittgenstein sagt, habe man den Satz “9+12=21” geschrieben und suche man eine Rechtfertigung dafür, so betrachte man wie der Satz der Lebensform anpasse, wie der Satz mit der Form des Lebens zusammenhänge. Ich sage meinen Satz und der Lehrer nickt, ich schreibe meinen Satz und der Lehrer schreibt eine gute Note daneben. Vielleicht sagt der Lehrer zuerst “nein,” aber ich überrede ihn mit Rechtfertigungen aus den Büchern. Auch in dem Fall paßt mein Satz gut in der Form des Lebens. Auch, z.B., die Tatsache, daß mein Satz sich mit gutem Erfolg in den Naturwissenschaften anwenden läßt, zeigt, daß er der Lebensform paßt. Man könnte sich vorstellen, wie der Prinzip, den wir in unserem mathematischen Beispiel gezeigt haben, auch in anderen nicht mathematischen Beispielen funktionieren könnte. Interessante Beispiele kommen aus den Naturwissenschaften. Ich sei Physiker; ich wolle eine Rakete nach Mars fliegen lassen; ich hätte einen Flugplan geschrieben. Wie kann ich meinen Plan rechtfertigen - ehe meine Rakete losfliegt? Wenn ich in den Physikbüchern nachschlage, so komme ich nicht hin - das ist keine Rechtfertigung, weil ich immerhin meine Urteilskraft darin benutze, um die Prinzipien aus den Büchern anzuwenden. Wenn mein Plan unter den Physikern angenommen wird, wenn er mit deren Plänen zusammenpaßt, habe ich darin eine Rechtfertigung. Natürlich habe ich auch eine Rechtfertigung, wenn die Rakete tatsächlich das Ziel erreicht. Aber es gibt auch Fälle, in denen keine Rakete fliegt, so zu sagen; d.h., Fälle, in denen keine physischen Ereignisse als Rechtfertigungen vorhanden sind, z.B., Erklärungen über astronomische Beobachtungen. Klar, diese Wittgenstein’sche Lehre hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Behaviorismus und dem Pragmatismus. Es läßt sich leicht zeigen, daß Wittgenstein kein Behaviorist ist. Der Behaviorismus ist ein Kind des Wiener Kreises, des Empirizismus, und der “Logical Positivists.” Der Behaviorist, wie auch Wittgenstein, bezieht sich nur auf die beobachteten Taten in der Suche nach der Bedeutung eines Wortes. Aber der Behaviorist behauptet, je nach den zwei Untergruppen innerhalb des Behaviorismus, daß entweder das Nichtbeobachtete nicht existiert, oder daß von dem Nichtbeobachteten zu sprechen Unsinn ist, und der Behaviorist legt deshalb Wert auf das Beobachtete. Wittgenstein dagegen legt Wert auf das Unbeobachtete. Man könnte sagen, er habe seinen Mystizismus aus seiner Frühperiode auf seine Spätperiode übertragen. Weil die Rechtfertigung eines Wortgebrauches auf der beobachteten Lebensform ruht, kann von den Unbeobachteten nicht gesprochen werden. Für Wittgenstein sind die Unbeobachteten am wichtigsten, d.h. die Religion, die Kunst, Ethik, Metaphysik - aber davon zu sprechen versuchen bringt nur Unsinn aus dem Munde hervor. Wir dürfen uns nur mit Beobachteten beschäftigen, mit Wörtern, die sich auf Beobachteten beziehen, und mit der Lebensform, mit der Mathematik und den Naturwissenschaften - aber wir müssen immer dabei bedenken, daß wir uns mit unwichtigen Sachen beschäftigen. So ist er kein Behaviorist. Es gibt auch gewisse Ähnlichkeiten zwischen Wittgenstein und den Pragmatisten; ob er Pragmatist sei, ist bis heute noch heiß bestritten.

In den anderen Werken seiner Spätperiode wendet er seine neue Sprachphilosophie auf die anderen Nebengebiete innerhalb der Philosophie an. In den “Bemerkungen über den Grundlagen der Mathematik” benutzt er seine Sprachphilosophie, um Auseinandersetzungen unter den Mathematikern aufzulösen. Wo ein mathematisches Wort, wie z.B. “Beweis” oder “Rechnen,” in einem Mittelpunkt eines Streites steht, versucht er den Gebrauch des Wortes darzustellen und dadurch klar zu machen, diese Auseinandersetzung existiere, weil etwas anderes als diese Darstellung des Gebrauches des Wortes als die Bedeutung des Wortes vorgestellt worden war.

Auch in seinen “Lectures on Aesthetics” geht es so vor. Wichtige Wörter wie “Kunst” oder “Schönheit” haben komplizierte Anwendungssysteme. Für ihn sind Muster des Gebrauches eines Wortes sehr wichtig, weil sie uns den Gebrauch zeigen und erklären - solche Muster sind genau so wichtig, oder vielleicht doch wichtiger, als eine Definition im Wörterbuch. Ein Muster kann entweder rein sprachlich sein, oder es kann eine Beschreibung eines physischen Zustandes bzw. Vorganges enthalten. Stellen wir die Frage, “was ist die Schönheit?” so stellen wir die Frage, “unter welchen Umständen benutzen wir das Wort »Schönheit«?” und so brauchen wir eine Sammlung geeigneter Muster als eine Antwort auf die Frage.

Es gibt mehrere »Lectures on Psychology« und Werke aus dem Nachlaß über Psychologie. Die philosophische Psychologie ist ein Thema, worüber er viel sprach und schrieb. Die philosophische Psychologie hat wenig mit der Psychologie an sich zu tun. Die philosophische Psychologie handelt von Fragen wie »was ist Denken?« oder »was ist Verstehen?« oder »was ist der Wille?« oder »was ist das Absichten?« Hier findet die Methode Wittgensteins noch eine Anwendung. Die Frage, »was ist das Denken?« ist im wesentlichen die Frage »was sind die wesentlichen Gebrauchsmuster des Wortes “Denken”?« Wenn wir vom »Denken« sprechen, sprechen wir auch vom Denken; d.h., vom Worte zu sprechen ist von der Sache selbst zu sprechen, und umgekehrt. Eine wichtige Entdeckung Wittgensteins ist daß das Wort »Denken« zwei sehr verschiedenen Anwendungen hat. Die Sätze »ich denke« und »er denkt« sind nicht nur zwei verschiedene Anwendungen eines Wortes, sondern zwei verschiedene Anwendungen zwei ganz verschiedener Wörter. Wir werden verführt oder ins Irrtum geführt, weil die Wörter »denke« und »denkt« ähnlich scheinen. Aber sie sind so wenig verwandt wie “Apfel” und “Apfelsine.” Die Gedanken, die Wittgenstein zu diesem merkwerdigen Schlußsatz führen, werden im folgenden untersucht.


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dritter Teil

in dem es gezeigt wird, wie man einen Zusammenhang aus dem Texte heraus zu ziehen versucht.


Die Schrift, die wir jetzt näher betrachten wollen, trägt den längen Titel »Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie, Band II, Das Innere und das Aüßere, 1949 - 1951«, den die Herausgeber und nicht der Autor der Schrift gab. Das Buch ist eine Sammlung loser Bemerkungen aus den Notiz- und Manuskriptbücher Wittgensteins. Im Gegensatz zu den Büchern, die Wittgenstein mehr oder weniger vor seinem Tode fertiggeschrieben hatte, stehen in diesem Buch keine Nummern bei den Bemerkungen, was unsere Aufgabe schwer macht, weil wir uns nicht so einfach auf, z.B., »Bemerkung Nr. 209« beziehen können, wie bei den anderen Bücher Wittgensteins. Weitere Schwierigkeiten erleben wir dadurch, daß die Bemerkungen in keinem durchgedachten Zusammenhang geordnet wurden, sondern wurden nur so niedergeschrieben, als sie dem Wittgenstein ein- oder aufgefallen sind. In seinen anderen Büchern hat er sie absichtlich geordnet. Weil sie keine Aphorismen sind, dürfen sie nicht als alleinstehende Einheiten betrachtet werden. Er behandelt verschiedene Unterthemen in ihnen, die ich durch Buchstaben vertreten lassen will; obwohl die Bemerkungen ohne Nummern gedruckt worden sind, sind sie immerhin klar von einander getrennt, und ich gebe sie jetzt vorläufige Nummern. So versuche ich das Durcheinander aufzuklären:

1 A 21 D 41 H 61 R

2 A 22 D 42 H 62 S

3 B 23 E 43 H 63 S

4 C 24 E 44 H 64 S

5 C 25 D 45 H 65 S

6 C 26 E 46 H 66 S

7 B 27 F 47 H 67 S

8 B 28 F 48 I 68 S

9 B 29 F 49 I 69 S

10 B 30 F 50 J 70 S

11 D 31 F 51 K 71 S

12 D 32 F 52 L 72 S

13 D 33 F 53 M 73 S

14 D 34 G 54 M 74 S

15 D 35 G 55 N 75 S

16 D 36 G 56 O 76 S

17 D 37 G 57 P 77 S

18 D 38 G 58 Q 78 S

19 D 39 G 59 N 79 S

20 D 40 G 60 L 80 S

Ich habe hier einen vorläufigen Abriss des ersten Teils des Buches dargestellt, und möchte betonen, er sei nur ein grober Versuch, ein Entwurf, und könnte wohl anders sein. Wo ich neunzehn Unterthemen gefunden habe, könnte man mehr oder weniger finden. Einige Bemerkungen gehören vielleicht weder zu diesem noch zu jenem Unterthema, sondern sind Übergänge zwischen denen. Oder diese Bemerkung gehöre doch zu einem anderen Unterthema. Ich bin überzeugt, meine Eingliederung des Buches sei nicht völlig korrekt. Aber jetzt hat der Leser eine vorläufige Ahnung, wie es aussehen könnte. Die obigen Buchstaben vertreten die Themen, die wir nachher enger betrachten. Wir geben sie jetzt nur durch Stickwörter an:

A = non & ne, (un)wesentliche Unterschiede in Verwendung

B = der Mensch, der unsere Sprachgefühle nicht hat

C = Psychologie und Benehmen

D = das Gefühl eines Wortes

E = Ich höre, es male jemand ein Bild


vierter Teil

in dem die Hauptsache dieser Arbeit, namentlich ein enger Kommentar zu den ersten Seiten der jüngsten Veröffentlichung Wittgensteins, sich befindet.

»Wenn man viel selbst denkt, so findet man viele Weisheit in die Sprache eingetragen. Es ist wohl nicht wahrscheinlich, daß man alles selbst hineinträgt; sondern es liegt wirklich viel Weisheit darin.«

- Lichtenberg


§

In diesem Teil werden die Wörter Wittgensteins in halbfetter Schrift zitiert, und danach kommentiert.

§

non & ne --- Es hat denselben Zweck, dieselbe Verwendung - bis auf eine Bestimmung.

Mit dieser Bemerkung beginnt Wittgenstein, und setzt dabei voraus, daß der Lesende schon mit den Hauptlehren der späteren Wittgenstein’schen Philosophie zu tun gehabt hat, in dem er ohne weiteres über die Verwendung eines Wortes zu schreiben anfängt, und nimmt damit an, daß die Frage nach der Verwendung die Bedeutungsfrage antastet, oder vielmehr schlechthin ist. D.h., er gibt keine Rechtfertigung für diese Betrachtung der Verwendungsfrage, und die Lehre, daß der Sprachgebrauch die Bedeutung ist, wird vorausgesetzt. Ist eine Lehre als bewiesen angenommen (wie jetzt hier der Fall ist), so betrachtet man die Ausnahmen, oder vielmehr, die Zweifelsfälle, die als Ausnahmen vorkommen, die aber vielleicht doch keine Ausnahmen sind, und die endlich vielleicht doch mit der Lehre zusammenpassen. So ein Fall ist das bekannte französische Wortpaar “non & ne.” Nimmt man die Lehre an, so kann man ein Wortpaar betrachten, und dabei sicher sein, daß wenn die beide dieselbe Verwendung haben, haben die auch dieselbe Bedeutung und denselben Sinn. Nimmt man ein beliebiges Wortpaar, so sieht man meistens, daß die zwei Wörter einige Gebrauchsmuster teilen. Mit dem Paar »Hund« und »Katze« wird das Gebrauchsmuster »...hat vier Beine« geteilt. Ein Wort hat auch Gebrauchsmuster, die es mit einem anderen Wort nicht teilt, z.B., nur ein Wort in dem Paar »Mensch« und »Katze« hat den Gebrauchsmuster »...hat vier Beine.« Sagen wir, zwei Wörter teilen einen Gebrauch, so sagen wir, sie teilen eine Bedeutung. Natürlich wird die Sache noch komplizierter, wenn wir daran denken, daß ein Wort hat manchmal ein Gebrauchsmuster nur unter gewissen Umständen; d.h., z.B., das Wort »Auto« hat meistens, aber nicht immer, das Gebrauchsmuster, »...hat vier Sitze.« Teilen zwei Wörter alle mögliche Gebrauchsmuster, so sagen wir, sie hätten die gleiche Bedeutung und den gleichen Sinn; ob es überhaupt solche Wortpaare gibt, läßt sich zweifeln. Das Wortpaar “non & ne” ist für Wittgenstein interessant, weil die zwei Wörter fast alles, was man »Bedeutung« nennt, teilen, aber sie teilen viele Gebrauchsmuster nicht. Um diese Sache genauer auszulegen, wäre eine Kenntnis der Französischen Sprache nötig, die ich nicht habe. Und das Wortpaar scheint deshalb ein Gegenbeispiel zu der Wittgenstein’schen Lehre zu sein.

§

So gibt es also zwischen Verwendungen wesentliche und unwesentliche Unterschiede? Erst, wenn man vom Zweck des Wortes redet, taucht diese Unterscheidung auf.

In dieser Bemerkung bezieht sich Wittgenstein wieder auf dieses Wortpaar. In allen Wortpaaren haben die zwei Wörter verschiedene Verwendungen, aber nun fragt man, wie die Verwendungen verschieden sind. Der Unterschied zwischen »Hund« und »Katze« ist anders als der Unterschied zwischen »non« und »ne«. Um diese Sache leichter zu machen, betrachten wir einen ähnlichen Fall in einer vernünftigen Sprache; man nehme das englische Wortpaar »good« und »well« oder das deutsche Paar »nicht« und »kein«. Wir sehen hier, daß die Unterschied zwischen diesen Wörtern liegt nicht in der sog. Bedeutung, sondern vielmehr in der sog. Grammatik. Bei dem Paar »good« und »well« ist das Zweck eine gute Eigenschaft zuzuordnen; bei dem Paar »nicht« und »kein« ist das Zweck eine abwesende Eigenschaft zuzuordnen. Die Unterschied liegt nicht in dem Zweck, sondern anderswo. Unter einigen neuen Sprachwissenschaftlern werden die Begriffe und Wörter »tiefe Grammatik« und »oberflächliche Grammatik« häufig benutzt. Ich wende diese Wörter jetzt hier an, aber ohne damit angeben zu wollen, daß ich die Theorien dieser Sprachwissenschaftler annehme. Weder nehme ich deren Theorien an, noch verwerfe ich deren Theorien als falsch, sondern ich bediene mich nur dieser zwei Wörter bzw. Begriffe. Ich behaupte, daß die Unterschiede, die nicht mit dem Zweck einer Verwendung des Wortes zu tun haben und die daher als unwesentliche Unterschiede angegeben werden, ihren Ursprung in der »oberflächliche Grammatik« haben, d.h., sie tasten die »tiefe Grammatik« nicht an. Anders gesagt, wesentliche Unterschiede zwischen Anwendungen seien semantische Unterschiede; unwesentliche Unterschiede seien syntaktische Unterschiede.

§

--- Es würde uns vielleicht befremden. »Er spielt gar nicht unser Spiel« - möchte man sagen. Oder auch das ist ein anderer Typus.

Diese Bemerkung ist wohl nicht zu verstehen, ehe man weiß, daß Wittgenstein hier in einen Gedankenzug aus einem anderen Buch, aus seinen Philosophische Untersuchungen, einsteigt. In dem Kapitel, worauf er jetzt sich bezieht, spricht Wittgenstein gegen die Psychologen, vor allem gegen William James, die sagen, die Bedeutung eines Wortes ist das Gefühl, das man mit dem Sprechen, Schrieben, oder sonstigen Gebrauchen des Wortes hat. Wittgenstein stellt uns eine Gedankenexperiment vor, in der der Fall vorkommt, daß ein Mann uns berichtet, er habe nicht die Gefühle, die wir haben, wenn er, z.B., die Wörter »wenn« oder »daß« heraus- u. hervorspreche. Wittgenstein meint, es mag wohl sein, daß jemand diese oder jene Gefühle habe, aber diese Sache von Gefühlen hat nichts damit zu tun, was die Bedeutung des Wortes sei, was man damit sagen will. Denn die Bedeutung liegt in dem Gebrauch des Wortes, und wenn man das Wort gebraucht, d.h., wenn man mir das Wort sagt, dann hat das Wort dadurch und darin seine Bedeutung, und nicht durch irgendwelche Gefühle, die der Sprecher haben mag.

§

Der Psychologe berichtet die Äußerungen des Subjekts. Aber diese Äußerungen »Ich sehe...«, »Ich höre...«, »Ich fühle...« etc. handeln nicht vom Benehmen.

Hier spricht Wittgenstein vom Wesen der Psychologie. Handelt die Psychologie allein vom Benehmen? Egal ob man »ja« oder »nein« auf diese Frage antwortet, ist das Sprechen gleichzeitig als ein Benehmen und als ein Bericht vom Inneren anzusehen. Der Psychologe hat als Gegenstand, als Objekt, die beobachteten Tätigkeiten des Subjekts sowie die Äußerungen des Subjekts.

§

--- Von beiden, aber nicht im Nebeneinander, sondern vom einen durch das andere.

Der Psychologe handelt von Benehmen und Sprechen, um Sprechen als Benehmen und Sprechen als Bericht, um das Benehmen an sich und Benehmen als Produkt des Inneren, um das Innere und das Äußere. Und sie werden nicht als zwei ganz getrennte und verschiedene Sachen behandelt, sondern das eine erklärt das andere. Aber welche erklärt, und welche wird erklärt? Beide erklären; beide werden erklärt.

§

Aber wir würden so auch sehen, daß es für das Verstehen und Gebrauchen der Worte ohne Folgen wäre.

Ich vermute, diese Bemerkung, wie die nächste, handele sich um die Gedankenexperiment vom Menschen, der behauptet, er habe nicht die Gefühle, die wir beim Gebrauchen der Wörter »wenn« und »daß« haben. Ein Mensch, der sowas sagt, oder von dem wir sowas glauben, würde sowieso sprechen und schreiben wie jeder es tut. Es mag wohl sein, daß diese Gefühle, oder die Abwesenheit solcher Gefühle, irendwie wichtig seien; aber deren An- oder Abwesenheit haben nichts mit der Bedeutung eines Wortes zu tun. Seien diese Gefühle wichtig, so sind sie es in Bezug auf etwas, was nicht mit der Bedeutung eines Wortes zu tun hat.

§

Aber konnte dieser die Verwendung von »wenn« und von »daß« nicht ganze ebenso beherrschen, wie wir? Würde er diese Worte nicht verstehen und meinen wie wir?

Hier bezieht sich Wittgenstein wieder auf seine Gedankenexperiment vom Menschen, der behauptet, er habe nicht die Gefühle, die wir beim Gebrauchen der Wörter »wenn« und »daß« haben. Mit dieser Bemerkung meint Wittgenstein, festgestellt zu haben, die Gefühle seien nicht die Bedeutung der Wörter. Wie man die Wörter benutzt, wie man sie versteht und meint, wie man ihre Verwendung (idiomatisch) beherrscht - das alles zeigt die Bedeutung der Wörter - wie doch jeder Fremdsprachlehrer weiß! Unterrichtet ein Lehrer einen Schüler, und will er den prüfen, so fragt er ihn nicht, was für Gefühle er beim Sprechen und Schreiben habe, sondern der Lehrer merkt wie der Schüler ein Wort verwendet.

§

Würde ich (von diesem) nicht glauben, er verstehe »daß« und »wenn« so wie wir sie verstehen, wenn er sie ganz so verwendet wie wir?

Das, was ich von dem Menschen beobachte, bestimmt das, was ich von dem glaube, mindstens im Falle seinen Sprechens, seines Sprachgebrauches. Wenn er »die Verwendung beherrscht«, dann muß er auch die Wörter »verstehen und meinen« wie wir können. Die Rede vom Verstehen und Meinen, und von den Gefühlen, die ein Wort begleiten, ist überflussig. Wenn man Wörter »richtig« gebraucht, d.h. in Übereinstimmung mit dem Gebrauch der Gesellschaft (mit »unserem« Gebrauch), sind wir zu sagen geneigt, daß er die Wörter »meint« oder »versteht«. Werden wir etwas näher darüber gefragt, so sagen wir vielleicht er habe gewisse Gefühle beim Benutzen der Wörter. Wir haben aber keinen Grund zu sagen, daß unsere Äußerungen irgendwie seinen inneren Zustand spiegeln, daß wir etwas von seinem Geiste erzählen. Wir sagen nur, mit anderen Wörtern, daß er die Wörter richtig gebraucht; mit ganz anderen Wörtern sagen wir’s, und wissen vielleicht nicht das wir’s sagen.

§

Und würden wir von diesem nicht glauben, er verstehe »daß« und »wenn« wie wir sie verstehen, wenn er sie ganz so verwendet wie wir?

Diese Bemerkung ist offensichtlich eine hauptsächlich stylistische Verbesserung der vorangehenden Bemerkung, ohne wesentliche Unterschiede zu jener. Wittgenstein hat der grammatische Subjekt ins »wir« umgeschrieben, um deutlicher darzustellen, die Sprache sei für ihn eine Gemeinsache, eine Sache einer Gesellschaft. Eine Sprache gäbe es nur zwischen Menschen, d.h. es müßte mindestens zwei Menschen dasein. Obwohl der Philosoph oder der Sprachwissenschaftler oft irgendwo ganz allein sitzt, und sich Gedanken über die Sprache macht, wird die Sprache selbst nur unter einer Mehrzahl Menschen benutzt. Deshalb glauben »wir« (und nicht »ich«) von einem, »er verstehe«.

§

Das ist ein anderer Typus. Aber welche Wichtigkeit hat es eigentlich?

Von dem, der sagte, er habe nicht die Gefühle beim Sprechen, die wir haben, hatten wir gesagt, er sei vielleicht ein anderer Typus. Vielleicht wäre das, was in ihm vorgeht, anders als das, was sich in uns befindet. Wittgenstein will uns jetzt sagen, ob der ein anderer Typus oder nicht sei, wäre egal. Wir können nur das Äußere antasten, und damit unsere eigene Äußerungen rechtfertigen; was auch im Inneren sein mag, davon dürfen wir nicht sprechen. Ob in seinem Kopfe ein Gehirn oder ein Taschenrechner sich befindet, ob (und was für) er Gedanke oder Gefühle hat, ob er logisch, unlogisch, auf Deutsch, oder auf Französisch denkt, ist uns gleich verborgen und unwichtig.

§

Es wäre doch ähnlich, wie wenn jemand, statt mit jedem Vokal eine eigene Farbe zu verbinden, eine mit a, e, i, und eine mit o und u verbände. »Das ist dann ein anderer Typus,« möchte man sagen.

Hiermit sagt Wittgenstein, die Frage nach dem Gefühl, das ein Wort begleitet, ist der Frage ähnlich, die nach der Farbe, die einen Vokal begleitet, fragt. Dieses Gleichnis ist aber so dunkel, daß es die Sache kaum aufklärt. Nicht jeder ist der Neigung, sei sie »literarisch« oder »kunstlerisch« oder sonst zu nennen, die ihm gleich klar und deutlich eine andere Farbe jedem Vokal zuordnet. Mit diesem Gleichnis macht Wittgenstein seinen Gedanken kaum oder gar nicht zugänglicher, sondern erklärt nichts oder fast nichts und macht vielleicht sogar seinen Gedanken noch schwieriger. Was hier vermutet wird, wird mittelst der eigenen Handlung Wittgensteins bestätigt, in dem er dieses Gleichnis aufgibt und nicht in seinen späteren Büchern verwendet, obwohl er später andere Textstellen aus diesem Buch gern benutzt hat.

§

--- weil nur dieses Wort diesen Klang, diesen Ton, diese Grammatik.

Hat also das Wort »Beethoven« ein Beethovengefühl?

Zum Philologischen wird gemerkt, daß diese Bemerkung sehr fragmentarisch ist. Die erste Hälfte deren wäre höchstens nur ein Nebensatz, aber der ist sie auch nicht, weil sie nicht einmal ein Verbum hat. »Hat« oder »erregt« oder etwas ähnliches werden vermutet. Wittgenstein stellt hier Argumente gegen seine Theorie dar; einer, der gegen Wittgenstein argumentierte und meinte, das ein Wort begleitende Gefühl sei wichtig für die Bedeutungsfrage, würde sagen, daß jedes Wort die Fähigkeit hat, gewiße eigentümliche Klänge oder Töne zu erwecken oder herzustellen oder hervorzurufen oder -bringen, und gerade diese Fähigkeit und deren Wirkungen ist im Inneren und nicht zu beobachten. Begegnet er diesem Argument, so fragt Wittgenstein ob, z.B., »das Wort “Beethoven” ein Beethovengefühl« hat. Der Gegner möchte natürlich die Frage bejahen - und muß es auch, um konsequent zu sein -, aber dann müßte schnell eine zweite Frage darauf folgen, und zwar was dieses »Beethovengefühl« sei. Der Gegner gäbe vielleicht als Antwort darauf diese Beschreibung der Romantizismus oder jene der Gefühle seiner Musik oder sonst eine Antwort. Wittgenstein gibt aber seine eigene darauf.

§

Es ist ein Blick, mit welchem mich dieses Wort anschaut.

Das ist das Gefühl eines Wortes. Nehmen wir zwei Wörter, z.B. »Liebe« und »Tod«, die uns vermutlich verschiedene Gefühle gäben. Schauen wir die Wörter an, so scheinen sie Gefühle zu haben, als ob sie traurig oder fröhlich wären. Nun, wie wir geneigt sind von einem, der traurig ist, zu sagen, er sähe uns traurig an, so eben sind wir geneigt zu sagen - oder können mindestens uns vorstellen, wie es wäre, so geneigt zu sein - das Wort sähe uns traurig an. Wir stellen uns vor, das Wort habe eine Wirkung auf uns; eine Wirkungskraft gehe aus dem Worte hervor und trifft uns. Daher sage man, das Wort »Beethoven« habe in uns ein Beethovengefühl gewirkt. Soweit argumentiert der Gegner Wittgensteins, der zeigen will, die Gefühle, die ein Wort begleiten, seien wichtig für die Bedeutungsfrage.

§

Aber den Blick kann man vom Gesicht nicht trennen.

Mit dieser Bemerkung erwidert Wittgenstein schlau und raffiniert, indem er alles gerne zugibt, was der Gegner behauptet. Gestehen wir, das Wort sähe uns an, wie ein Mensch uns ansieht, so folgt: wie wir mittelst seines Gesichtes wissen, daß und wie der Mensch uns ansieht, so wissen wir mittelst des Bildes des Wortes daß und wie es uns ansieht. Ein optisches Bild ist aber zuerst ohne Elemente der Gefühle; es ist, den meinsten Philosophen nach, ein rein physischer und damit durch die Gesetze der Physik zu erklärender Vorgang, der ohne Bezug auf Gefühle erklärt wird; auch sie, die ihn nicht dafür erklären, die die Sache vielleicht idealistisch sehen, erklären ihn ohne Bezug auf Gefühle. Wittgenstein will sagen, das, was - zumindest in diesem Falle - »Gefühl« nennen, läßt sich auf gefühlloses zurückführen. Behauptet der Gegner, die Gefühle seien für die Bedeutungsfrage wichtig, so erwidert Wittgenstein schlagfertig, daß, gern zugegeben, sie’s sind, aber die, die der Gegner »Gefühle« nennt, am Ende doch gar keine Gefühle, sondern nur der Schein des Wortes, den man naturwissenschaftlich und gefühllos erklären kann. Man kann wohl sagen, ein Wort habe ein Gefühl, aber nicht gleich wie man sagt, ein Mensch habe ein Gefühl. »Das Wort hat ein Gefühl« bedeutet etwa »das Wort erregt in mir ein Gefühl« oder gar »wenn ich das Wort anschaue, wird in mir ein Gefühl erregt.« Wenn ich ein Wort, einen Satz lese, lerne ich etwas, erfahre ich eine Bedeutung, einen Sinn: das hole ich aus dem Wort, oder es kommt aus dem Wort zu mir; Gefühle dagegen werden in und von mir hervorgerufen mittelst des Lesens des Wortes, oder anläßlich dessen.

§

--- mit ganz besonderem Ausdruck.

Auf Textstellen in anderen Büchern, vor allem in den »Philosophischen Bemerkungen« und den Vorstudien dazu, in denen Wittgenstein das Beispiel vom Spielen oder Singen eines Stückes »mit Ausdruck« betrachtet, bezieht sich dieser Nebensatz. Sagt man »er spielt mit einem ganz bestimmten Ausdruck« in der Musik, so stellen sich zwei Möglichkeiten hervor: entweder der Ausdruck ist etwas, was ich von dem Stück nicht trennen kann, oder man könne ein anderes Stück mit demselben Ausdruck spielen. Wittgenstein sagt, beide Möglichkeiten gäbe es; also in der Musik hat das Wort »Ausdruck« mindestens diese zwei Sinne. Er will den ersten Sinn, worin der Ausdruck sich nicht von dem Stück trennen läßt, als Metaphor an die Sprache anwenden. Wie es einen Ausdruck des musikalischen Stückes gibt, so hat ein Wort auch etwas - ein Gefühl - was sich nicht von ihm getrennt werden kann. Wie der Ausdruck nicht das Stück ist, so ist das Gefühl nicht das Wort. Wir können uns das Wort ohne das Gefühl - das Stück ohne den Ausdruck - vorstellen. Der Schüler einer Fremdsprache, der Philologe, behandelt ein Wort ohne das »übliche Bedeutungsgefühle« - ja, ohne Gefühle überhaupt.

§

Dieser Ausdruck ist nicht etwas, was man von der Stelle trennen kann. (Nicht notwendigerweise.) Es ist ein anderer Begriff. (Ein anderes Spiel.)

Die Stelle ohne den Ausdruck kann man sich vorstellen, aber nicht den Ausdruck ohne die Stelle.

§

»Du hast die Stelle jetzt mit einem anderen Ausdruck gespielt.« - » - jetzt mit demselben« und man kan ihn auch charakterisieren durch ein Wort, eine Geste, ein Gleichnis; aber dennoch meint man mit diesem Ausdruck nicht etwas, was in anderer Verbindung vorkommen kann.

Man meine, weil ich eben dieses Stück mit diesem Gefühl gespielt habe, könnte ich auch jenes Stück mit diesem Gefühle spielen. Ich kann Kafka lesen, und dabei seine Beziehung zu seinem Vater im Sinne halten, oder ich kann Kafka lesen, und mir dabei gar keine Gedanke über seinen Vater machen; aber auf keinem Falle kann ich Goethe lesen, und dabei Goethes Beziehung zu Kafka’s Vater im Sinne halten. Ich kann einen Wagner-Oper anhören, und dabei an Wagners politische Nationalismus und an die Beziehung Nietzsches zur Frau Wagners denken, oder ich kann den Wagner-Oper anhören, ohne daß ich an Nationalismus, Nietzsche, oder die Frau Wagners denke; aber auf keinem Falle kann ich Schuhmanns »Träuerei« hören und an die Beziehung Nietzsches zur Frau Schuhmanns oder an Schuhmanns Nationalismus denken. Genauer, ich kann das Wort »Beethoven« lesen (sprechen, schreiben, hören), mit dem »Beethovengefühl« oder ohne das »Beethovengefühl«, daß ich jenes Gefühl dabei erlebe oder nicht erlebe; aber beim Wort »Schuhmann« kommt auf keinem Falle jenes Gefühl hervor. Den Fehler aber begehen wir, weil der Ausdruck als Eigenschaft und sprachlich als Adjektiv erscheint. Man denkt »das Stück mit oder ohne diesen Ausdruck« so wie »Wurst mit oder ohne Senf« und wenn wir den Senf nicht auf diese Wurst tun, so können wir den auf jene tun. Wir können die CDU mit oder ohne Franz-Josef Strauß betrachten, aber auf keinem Falle betrachten wir die SPD mit Franz-Josef Strauß, obwohl den Ausdruck »mit Franz-Josef Strauß« als eine Eigenschaft und Adjektiv erscheint. Dem Worte ist das Gefühl eine eigentümliche Eigenschaft, ein eigentümliches Adjektiv, und nicht auf ein anderes Wort umsetzbar. Jetzt aber sind wir weit von unserem Thema gekommen. Um den Kreis vollzuziehen, müssen wir uns daran erinnern, Wittgenstein möchte behaupten, das Gefühl eines Wortes sei nicht seine Bedeutung oder sein Sinn. Sei das Gefühl die Bedeutung, so wäre es möglich, das eine getrennt von der anderen zu denken. Aber wir sehen: das Gefühl eines Wortes gehört zum Wort und ist nicht mit einem anderen Wort zu denken, wie den Ausdruck eines musikalischen Stückes nicht mit einem anderen Stück zu denken ist.

§

Das Erlebnis ist diese Stelle, so gespielt (so, wie ich es etwa vormache; eine Beschreibung könnte es nur andeuten).

Weder der Ausdruck noch die Stelle (in einem Stück), sondern die so gespielte Stelle ist das Erlebte; weder das Wort noch das es begleitende Gefühl ist das Erlebte, sondern ein Ganzes, das aus beiden besteht. Ob Wittgenstein hier das sprachliche Erlebnis der Bedeutung gleichsetzt, können wir nur vermuten. Wichtig ist es auch, daß der Ausdruck (eines Stückes) oder das Gefühl (eines Wortes) sich nicht genau sprachlich (oder sonstwie) ausdrücken oder formulieren läßt - sich nicht ohne eine anwesende konkrete reale Instanz genau darstellen läßt. Läßt sich so ein Ausdruck oder Gefühl genau wirklich mitteilen, so ist er oder es eben nicht der Art, die nicht getrennt vom Stück oder Wort zu denken ist. Die Erlebenden erfahren den Ausdruck und das Gefühl nur innerhalb des Ganzen, und können es nicht wiedergeben, weitergeben, oder mitteilen, ohne das Ganze hervorzubringen. »Das Gefühl, mit dem Frau Smith Bach spielt« kann ich jemandem nicht mitteilen, ohne daß ich auch das Bach’sche Stück auch zur Achtung bringe. Sicher kann ich es beschreiben, bewerten, und diskutieren, aber nur »ungefähr«; obwohl es hier hauptsächlich um die Sprachphilosophie, stellt sich hier eine mögliche Anwendung auf die Ästhetik heraus.

§

Die lustigen Farben.

Ich vermute, daß Wittgenstein hier uns ein Beispiel gibt, von dem, was er in diesen Bemerkungen bespricht. Wir sind, z.B., in einem Kunstmuseum, und schauen uns die Bilder an. Ich sehe ein Bild, und sage jemandem, »die lüstigen Farben!« Sehr wenig teilen diese Wörter an sich mit. Hätte mein Kamerad bis dahin nie sowas erlebt, dann hätte er keine Ahnung, wovon ich spreche. Hätte er aber doch sowas schon einmal gesehen, dann würde er in sich dieses Erlebnis hervorrufen, und meine Wörter damit verbinden. Oder, wenn er nie sowas gesehen hätte, blickt er auf’s Bild, und das neue dadurch entstandene Erlebnis mit meinen Wörtern verbinden. Hätte er sowas nie erlebt, und hätte mir die Frage stellt, »was willst du damit sagen?«, dann könnte ich nur ungefähr ihm sagen, was ich weitergeben wollte. Ich könnte, z.B., etwas zu sagen versuchen, was in ihm dieselben Gefühle erregen könnte, die ich erlebe. Ich müßte dann das Erlebnis weitergeben, um die es begleitenden Gefühle weiterzugeben.

§

Die »Atmosphäre« ist gerade das, was man sich nicht wegdenken kann.

Der Ausdruck, mit dem man das Stück spielt, und das Gefühl, das das Wort begleitet, nennt Wittgenstein hier »die Atmosphäre«. In Einführungszeichen setzt er das Wort, weil er damit darauf deuten will, das, wovon wir sprechen, sei keine Atmosphäre. Eine Atmosphäre, so verstehe ich ihn, sei eine Umgebung. Einen Gegenstand mit oder ohne eine Atmosphäre kann man sich denken; also ist im dem Sinne die Atmosphäre nicht das, wovon wir hier reden.

§

Der Name Schubert, umschattet von den Gesten seines Gesichts, seiner Werke. - Also doch eine Atmosphäre? - Aber man kann sie sich nicht von ihm abgelöst denken.

Hier bietet Wittgenstein uns ein Beispiel an, von dem, was er in der vorigen Bemerkung behauptet hat. Wenn der Name »Schubert« uns vorkommt, wird er »von den Gesten seines Gesichts, seiner Werke umschatten.« Man möchte vielleicht sagen, das sei eben eine Atmosphäre. Wittgenstein erwidert, daß, versuche man diese sog. »Atmosphäre« ohne den Namen zu denken, so kann man nicht, und damit wird bewiesen, sie sei keine Atmosphäre.

§

Der Name S., wenigstens, wenn wir vom Komponisten reden, is so umgeben.

Aber diese Umgebung scheint mit dem Namen selbst, mit diesem Wort, verwachsen.

Wohl kann man sagen, der Name sei auf diese Weise umgeben; aber es läßt sich nicht sagen, diese sei die Umgebung, in der der Name sich befindet. Eine Rose wird von einem sanften Duft umgeben, aber es ist nicht der Fall, daß die Rose sich zufällig in diesem sanften Duft befindet, als ob sie sich genau so wahrscheinlich sonstwo befinden könnte. Diesen Duft existiert nicht ohne die Rose, er ist nicht ohne sie zu denken.

§

--- Denke, ich höre, es male jemand ein Bild ---

Hier bezieht sich Wittgenstein auf eine Stelle in den »Philosophischen Untersuchungen«, in der er das folgende Gedanken-Experiment ausführt. Man stellt sich vor, ihm würde gesagt, es male jemand ein Bild von Beethoven beim Schreiben der neunten Symphonie. Diese Vorstellung muß man vergleichen mit der, die vorkommt, wenn ihm gesagt wird, es male jemand ein Bild von Goethe beim Schreiben der neunten Symphonie. Was kann man unter diesem zweiten Bericht verstehen?

§

: Ich höre, es male jemand ein Bild »...«.

Hier hat Wittgenstein offensichtlich Achtung auf das Ende des Satzes, das er hier nicht wiedergibt, linken wollen. Das wichtige in diesem Gedanken-Experiment ist weder, daß ich etwas gehört hätte, noch, daß jemand ein Bild male, sondern daß diese zwei behaupteten Vorstellungen verglichen werden, und wie man sie empfindet. Leicht können wir uns »Beethoven beim Schreiben der Neunten« vorstellen; kaum aber »Goethe beim Schreiben der Neunten« oder vielleicht gar nicht. Was kann man von dieser letzteren behaupteten Vorstellung sagen? Ist es möglich oder nicht? Warum können wir uns sowas kaum oder nicht vorstellen? Liegt das in den Begriffen selbst, oder in unserem Denkwesen?

§

--- wenn sie nicht mit dieser Stelle einhergingen.

Hier kehrt Wittgenstein zum anderen Thema zurück, zum Besprechen des Gefühls und des Ausdruckes, die ein Wort oder eine Stelle (in einem musikalischen Stücke) begleiten, und verknupft es mit dem neuen Thema. Stellen wir uns eine Stelle vor, z.B. Schumann’s »Träumerei«, so können wir uns Ausdrücke vorstellen, die entweder mit dieser Stelle einhergehen oder nicht; stellen wir uns ein Wort vor, z.B. »Liebe«, so können wir uns Gefühle vorstellen, die entweder mit diesem Wort einhergehen oder nicht. So ist es auch mit unseren Bilder: das Bild vom »Beethoven beim Schreiben der Neunten« paßt, das Bild vom Goethe bei demselben nicht.

§

--- ganz hirnverrückt und lächerlich wäre.

gänzlich widerwärtig und lächerlich wäre.

gänzlich lächerlich und widerwärtig wäre.

Hier experimentiert Wittgenstein mit verschiedenen Wörtern, um die zu finden, die das Bild vom »Goethe beim Schreiben der Neunten« genau richtig beschreiben. Daran müssen wir uns erinnern, daß, z.B., für Wittgenstein »sinnlos« und »unsinnig« zwei ganz verschiedenen Bedeutungen hatten, und nicht nur ähnliche Beleidigungen waren. Solche Genauigkeit ist typisch, nicht nur für Wittgenstein, sondern für die überwiegende Mehrheit aller Philosophen. Man will nicht nur sagen, das Bild päße nicht, sondern man will aus dem Grund, aus dem es nicht paßt, etwas lernen. Kann man genau erklären, warum es nicht paßt, so kann man etliches über die menschliche Vernunft und das Umgehen mit Wörtern und Begriffen sagen: man könnte, z.B., vielleicht erklären, warum uns der Satz »dieses Geräusch ist zehn Zenitimeer lang« und der Satz »dieses Geräusch wiegt fünf Kilogram« komisch vorkommen. Denn diese Sätze und das Bild sind auf dieselbe Weise »hirnverrückt«. Als Wittgenstein zum ersten Male dieses Beispiel aufschrieb, bezeichnete er das Bild als »unpassend und lächerlich«. In der vorhanden Schrift experimentiert er mit »hirnverrückt, lächerlich, und widerwärtig«. In dem allerletzten Entwurf dieses Beispieles beschreibt er seinen Versuch, das Bild zu denken, als »peinlich und lächerlich.«

§

Hier beendet sich mein Kommentar. Ich hoffe, ich habe den Leser angeregt, in den Büchern Wittgensteins weiter zu lesen, und sich Mühe und Zeit zu geben, um an das Gelesene nachzudenken. Ich erwarte nicht, daß ich die endgültige Interpretation dieser Schriften gegeben habe; ich hoffe aber, daß ich vielleicht etliche nützliche Vorschläge gegeben habe, wie man einen Text lesen kann.


fünter Teil, oder

Anhang Philologischer Bemerkungen

in dem das nicht-Philosophische, d.h. die Form und nicht der Inhalt, an den Werken Wittgensteins besprochen wird.


Philologisches

Betrachte man Wittgensteins Deutsch, so lassen sich etliche Eigenschaften finden, die etwas von dem Mensch zeigen.

Man könnte, z.B., schließen, Wittgenstein sei Österreicher, weil er den Ausdruck »etc« anstatt »usf« und »usw« vorzieht. Weiter könnte man auf die allzuviele englischen und englisch-ähnlichen Worte deuten, und daraus raten, Wittgenstein habe viele Jahre in England verbracht. Die Redewendungen und erwähnten Ereignisse und Autoren zeigen, es handele sich hier um einen Wiener, der seine Schul- u. Universitätsausbildung um die Jahrhundertswende bekam. Sieht man die Manuskripte an, so erkennt man die Handschrift auch aus der Zeit.

Offentsichtlich hat Wittgenstein »beim Denken« geschrieben, weil die Manuskripte die Merkmale von dem, was nebenbei geschrieben worden ist. Sie wurden nicht vorsichtig, sondern rasch geschrieben. Es fehlt Rechtschreibung in dem Buchstabieren sowie in der Grammatik. Vergleicht man diese Manuskripte mit Wittgensteins Briefen und druckfertigen Papieren, so wird dieser roh entworfene Charakter der Manuskripte noch deutlicher.

Genau dieser Charakter ist ein Grund, warum wir umso vorsichtlicher beim Lesen und Interpretieren vorgehen müssen. Es läßt sich vorstellen, daß diese Manuskripte nie für ein Publikum beabsichtigt waren. Weil sie als Buch gedruckt worden sind, geben sie den Eindruck von etwas fertiges, aber das sind sie nicht. Die Anwesenheit als Buch verdeckt die mühsame Arbeit der Herausgeber, die das Buch aus den Manuskripten »zusammengebastelt« haben. Return to Mr. Smith's Philosophy Page

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